Gott ist ein Elefant
Die Blinden und der Elefant
Vielleicht kennst du ja das Gleichnis von den Blinden und dem Elefanten. Meine Kurzversion geht so:
Fünf blinde Gelehrte sollten im Auftrag des Königs einen Elefanten untersuchen. Sie machten sich auf die Reise nach Indien und fanden dort das gesuchte Objekt. Daraufhin erforschte ihn jeder und berührte ihn an unterschiedlichen Stellen des Körpers. Und dementsprechend waren die Beschreibungen: Der am Bein war, beschreibt einen Elefanten als eine starke Säule, der am Schwanz als einen Aal, der am Rüssel als eine große Schlange, der am Rücken als einen Wal, der am Ohr als eine Lotusblume. Sie sind irritiert, dass sie sich nicht auf eine Beschreibung einigen können und kehren beschämt zurück. Als der König ihre Berichte hört, löst er die Verwirrung, indem er alle Beschreibungen als Teil eines Ganzen deutet und so integriert.
Dieses Gleichnis wird häufig herangezogen, wenn es um die Frage nach einer objektiven Wirklichkeit geht. Es soll verdeutlichen, dass die Menschen sehr individuell und auch immer nur partiell die Welt erfassen, deuten und beschreiben. So ist die erfahrene Wirklichkeit in der Welt der Form immer subjektiv, geprägt von den Fähigkeiten und Möglichkeiten und der Geschichte des Menschen. Das ist allerdings keine Einladung zur Beliebigkeit, denn über Austausch, Vergleich und Integration der individuellen Beschreibungen ist es möglich, einen gewissen Grad an Objektivität zu erhalten. Die Botschaft der Geschichte unterstreicht besonders die Notwendigkeit von Offenheit und Toleranz für andere Meinungen. Und nicht nur die Philosophen streiten schon lange über die wichtigste Interpretation: Wer ist denn bezogen auf unsere Wirklichkeit der König?
Das Gleichnis lässt sich nicht nur auf die Welt der Form anwenden, sondern auch auf das Formlose. Auch Gott ist ein Elefant. Wenn ein Mensch Gott begegnet oder erforscht, wird er nur einen Teil oder einen bestimmten Aspekt des Gesamten berühren. Und wenn er dann die Erfahrung teilt und sich darüber austauscht, geschieht dies subjektiv mit seinen individuellen Fähigkeiten und Möglichkeiten.
Doch wie in der Welt der Form gibt es auch auf dieser Ebene menschlicher Erfahrung die Möglichkeit, über Austausch, Vergleich und Integration zu einem allgemeineren Bild von Wirklichkeit zu kommen, das eine Art Landkarte der Erfahrungsmöglichkeiten von Gott darstellt.
Wer ist der König?
Doch gibt es keinen König, der den Elefanten genau beschreiben kann. Es ist sehr nützlich für unser Zusammenleben, wenn wir uns daran erinnern.